Dreieinhalbste Station
San Ignacio Miní
In Jahre 1608 begannen jesuitische Missionare im heutigen Grenzgebiet von Argentinien, Paraguay, Uruguay und Brasilien die dortigen Ureinwohner Guaraní in ein christliches Sozialsystem einzugliedern – zu kolonialisieren. Die Mönche, welche bereits über Schriftstücke früherer Kolonialisten die Guaraní studiert hatten, lockten die Ureinwohner des dortigen Regenwaldes mit Kultur und neuem Wissen. Nach und nach entstanden mehr als 80 so genannte reducciones, in denen bis zu 4000 Guaraní unter der Führung von jeweils 2 oder 3 Jesuiten zusammenlebten. Durch die Vermischung der euopäischen und indigenen Kultur entstand der Guaraní-Barock, welcher in Architektur, Musik und Handwerk einmalig hoch entwickelt war. Zeitgleich starb aber auch die ursprüngliche Kultur der Ureinwohner. Den spanischen und portugisischen Herrschern sowie dem Klerus ein Dorn im Auge, räumte man sämtliche Reduktionen Mitte des 18. Jhd.s, setzte sie in Brand und zerstörte sie. Die zurückgebliebenen und führungslosen Guaraní, welche ihre ursprüngliche Lebensweise über die mehr als 150 Jahre in den Reduktionen verloren hatten, siedelten in spansiche oder portugisische Städte über und suchten Arbeit als Handwerker oder Hilfsarbeiter. Mitte des 20. Jhd.s endeckte man die Ruinen der jesuitischen Missionen neu. Heute stehen die Reduktionen als Weltkultruerbe unter besonderem Schutz. Von den einen werden sie als ein beispielloses humanes Experiment gelobt, von den anderen als hinterhältiger Kolonialismus verurteilt. Für mich haben beide Seiten recht, denn die Motive der Jesuiten waren im Kontext der damaligen Umgebung, in der die indigene Bevölkerung systematisch versklavt oder rigoros abgeschlachtet wurde, nobel. Doch bewusst zerstörte man eine einzigartige, reichhaltige und eigentlich um jeden Preis schützenswerte Kultur.